Kritische Theorie und Emanzipation

Ein einführendes Tagesseminar mit Marc Jacobsen, Dirk Lehmann
und Florian Röhrbein

30.04.2016 | 10:30-18:00 Uhr | ITP | Münster

„Mitmachen wollte ich nie…“ mit diesem Ausspruch brachte Leo Löwenthal treffend das fundamentale Misstrauen zum Ausdruck, mit dem kritische Theorie der gegenwärtigen Gesellschaft begegnet. Ist dies doch eine Gesellschaft, die den Menschen einzig und allein als disponible Größe zur Auspressung von Mehrwert kennt und die ihr Anderes, Natur, rein als Gegenstand einer krämerseligen Vorstellung von Nützlichkeit betrachtet. Diese Verhältnisse, in denen Mensch und Natur gleichermaßen erniedrigte und geknechtete, verächtliche und verlassene Wesen sind, umzustürzen, steht im Zentrum aller Anstrengung von kritischer Theorie. Und insofern begreift sie sich auch als die theoretische Seite der Befreiung der Menschheit aus Ohnmacht und Gewalt.

 
Das ist allein möglich, weil kritische Theorie die Menschen als die Produzenten ihrer gesamten gesellschaftlichen Lebensformen begreift, Gesellschaft also als allein durch menschliche Tätigkeit geworden und deshalb auch als fundamental veränderbar versteht. In dieser grundsätzlichen historisch-materialistischen Weise knüpft kritische Theorie an ihre Begründer, Karl Marx und Friedrich Engels, an, geht zugleich aber über sie hinaus. Der Vorstellung etwa von der grundstürzenden Macht des Proletariats, wesentliche Hoffnung noch bei Marx und Engels, begegnet sie äußerst reserviert. Der Stalinsche Terror zum einen, die Ermordung der Juden in Europa zum anderen bilden den Hintergrund dieser skeptischen Haltung. Sie markiert aber keinen Bruch, sondern bezeugt nur das Selbstreflexivwerden kritischer Theorie. In anderen Worten ist die bürgerliche Gesellschaft ohne Marx nicht zu begreifen; mit Marx allein aber ist sie es ebenso wenig.

Diese Wendung fand ihre Zuspitzung in der von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno gemeinsam verfassten Dialektik der Aufklärung, in der nun nicht mehr die kapitalistische Produktionsweise allein Gegenstand der Kritik ist, sondern die abendländische Kultur insgesamt. Damit aber – und das macht die Aktualität dieses Denkens aus – ist die Möglichkeit eröffnet, herauszutreten aus der immer noch selbstverschuldeten Unmündigkeit in ein ‚Reich der Freiheit’, in dem, so Adorno, die Gewalt gegen Mensch und Natur gleichermaßen endlich aufhören.

 

Im Rahmen des Tagesseminars werden wir ausgehend von „ein paar Thesen“ Adornos „über das Unterscheidende der kritischen Theorie nicht nur von der traditionellen sondern auch von der Marxischen“ eine erste Spezifikation der kritischen Theorie vornehmen. Im Anschluss möchten wir in Form von Textarbeit weiter über zentrale Aspekte der kritischen Theorie diskutieren.
Sowohl Auszüge aus dem Manifest der kommunistischen Partei von Marx und Engels als auch Abschnitte aus Geschichte und Klassenbewußtsein von Georg Lukács werden dabei zum Thema. Ferner werden die Aufsätze Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft und Zum Verhältnis von Soziologie und Psychologie von Adorno gemeinsam besprochen.

 

 

Marc Jacobsen hat Soziologie an der Universität Bielefeld studiert und promoviert zurzeit zum Thema „Antisemitismus in der Weltgesellschaft“ an der Universität Bonn.

Dirk Lehmann hat in Duisburg, Berlin und Bielefeld Soziologie studiert und arbeitet gegenwärtig an einer Monographie über die Entstehung und Entwicklung der kritischen Theorie. Er ist Lehrbeauftragter der Fakultät für Erziehungswissenschaft an der Universität Bielefeld und veröffentlicht unregelmäßig in Kritiknetz. Zeitschrift für kritische Theorie der Gesellschaft.

Florian Röhrbein studiert Soziologie an der Universität Bielefeld und arbeitet als wissenschaftliche Hilfskraft im Bereich qualitativer Sozialforschung. Derzeit beschäftigt er sich mit Ideologie- und Subjektkritik aus der Perspektive einer psychoanalytischen Sozialpsychologie und gibt ab und an Einführungsseminare zu einer materialistischen Kritik des Antisemitismus.
 

2014 haben die Teamer den Band „Kritische Theorie und Emanzipation“ im Verlag Königshausen & Neumann herausgegeben.

 

 

Eine Anmeldung unter akkritischetheorie@yahoo.com ist aus organisatorischen Gründen erwünscht, aber nicht zwingend erforderlich. Nach der Anmeldung werden die Textgrundlagen sowie weitere Informationen zum Seminar (Ablaufplan, Leitfragen zur Vorbereitung usw.) zugesandt. Ein gedruckter Reader kann gegen eine kleine Selbstbeteiligung zur Verfügung gestellt werden. Die Teilnahme ist selbstverständlich kostenlos.

 

 

Textgrundlagen: Karl Marx/Friedrich Engels, Manifest der kommunistischen Partei (Auszug), in: Marx Engels Werke (MEW) Bd. 4, Berlin: Dietz 1959, S. 462-482; Georg Lukács, Die Verdinglichung und das Bewußtsein des Proletariats (Auszug), in: ders., Geschichte und Klassenbewußtsein (Werke Bd. 2), Darmstadt/Neuwied: Luchterhand 1970, S. 257-286; Theodor W. Adorno, Zum Verhältnis von Soziologie und Psychologie, in: Gesammelte Schriften Bd. 8, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1972, S. 42-85; Theodor W. Adorno, Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft?, in: Gesammelte Schriften Bd. 8, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1972, S. 354-370; Theodor W. Adorno, Zur Spezifikation der kritischen Theorie, in: Theodor W. Adorno Archiv (Hrsg.), Adorno. Eine Bildmonographie, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2003, S. 290-292.

 

 

 

 

Diese Veranstaltung ist eine Kooperation mit dem AK Kritische Theorie und findet statt mit freundlicher Unterstützung durch die ASten der Universität und Fachhochschule Münster.


 

 

 

 

 

 

 

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