Keine Stadt ist verloren!

Die Nazistrukturen in Hamm plattmachen!

[ Infoveranstaltung am 21.10. in Münster ]

Für den 23.10.2010 hat die seit März 2003 aktive “Kameradschaft Hamm” einen Aufmarsch durch die Hammer Innenstadt gegen einen halluzinierten “Volkstod” angekündigt. Am 22.10. wollen die von ihnen aufgebauten “Autonomen Nationalisten” aus dem benachbarten Ahlen eine Vorabendkundgebung zum Aufmarsch durchführen. An beiden Tagen gilt es ihre Aktionen mit allen Mitteln zu vereiteln. Aber auch darüber hinaus muss sich antifaschistische Solidarität in mehr niederschlagen, als nur zu den üblichen Gelegenheiten in die Provinz zu fahren.

 

Hamm: Eine kurze Bestandsaufnahme

Die kommende Neonazidemonstration ist die zehnte in Hamm. Sie reiht sich, neben zahlreichen Kundgebungen, regelmäßigen Störungen von antifaschistischen Veranstaltungen und brutalen Übergriffen auf politische GegnerInnen, ein in eine traurige Chronik rechter Umtriebigkeit seit 2003. In Hamm konnte sich über Jahre hinweg fast ungestört eine der aktivsten Neonaziszenen in NRW entwickeln, die für viele Menschen eine ernsthafte, körperliche Bedrohung darstellt und die angesichts ihrer Ideologie kaum überschätzt werden kann. So bestehen neben der “Kameradschaft” noch diverse weitere rechte Cliquen und neonazistische Kleingruppen im Stadtgebiet, darunter rechtsradikale Bands, Ultragruppen und Freundeskreise, mit und aus denen die Neonaziszene ihren Nachwuchs rekrutiert, die aber gleichermaßen eine eigene Dynamik entwickeln.

Auch überregional sind die KammeradInnen aus Hamm kontinuierlich aktiv, so gehen die Vernetzungsversuche in der Region zwischen Ahlen, Unna, Bergkamen, Bönen, Münster und Dortmund – um nur einige zu nennen – maßgeblich auf sie zurück, genauso wie die meisten der jüngeren Neonazigruppierungen aus der Umgebung mit maßgeblicher Unterstützung der “Kameradschaft Hamm” aufgebaut wurden. Gute Verbindungen in andere Städte bestehen nicht zuletzt, da diverse Kader und Mitglieder in den letzten Jahren nach Dortmund und in andere umliegende Städte verzogen sind. Dass es die “Kameradschaft Hamm” trotzdem geschafft hat handlungsfähig zu bleiben und Nachwuchs einzubinden, macht es wenig überraschend, dass sie in der rechten Szene des gesamten Ruhrgebiets und darüber hinaus hoch geschätzt ist, nicht nur wenn es um Erfahrung und Infrastruktur geht.

 

Von nichts gewusst und nichts gelernt..

Lange Zeit wurden die rechten Aktivitäten in Hamm und Umgebung ignoriert. Erst hierdurch konnte sich die neonazistische Szene unbehelligt aufbauen, neue Mitglieder rekrutieren und sich vernetzen. Der von Gerhard Schröder im Jahr 2000 nach diversen antisemitischen und rassistischen Gewalttaten ausgerufene “Aufstand der Anständigen” aus der Bürgerschaft und auch ein “Aufstand der Zuständigen” aus Verwaltung, Lokalpresse, Stadtpolitik und Polizei, ist in vielen Gegenden der BRD nie angekommen, so auch nicht in Hamm. Erst seit Kurzem wird in den lokalen und überregionalen Medien über die Situation vor Ort berichtet und nicht zuletzt deshalb haben erst kürzlich auch die lokalen Parteien verstärkt Interesse an Gegenmaßnahmen bekundet. Das diesjährige, relativ breite Bündnis, welches zu nicht nur abseitigen symbolischen Gegenaktivitäten aufruft, steht somit für eine neuere Entwicklung, die vor einigen Jahren noch undenkbar schien.

Was auf den ersten Blick erfreulich ist, darf nicht darauf hinauslaufen, im Rahmen der Aktivitäten gegen Neonaziaufmärsche die dort propagierten nationalsozialistischen “Basisideologien” (Antisemitismus, Rassismus, autoritäre Gesellschaftsauffassung, Antiamerikanismus etc.) nicht zur Sprache zu bringen und nicht in ein Verhältnis zum deutschen “Normalbetrieb” zu setzen. Mitnichten reagieren die Deutschen des Jahres 2010 sensibler auf Neonazis und deren Ideologie, und keinesfalls gehen sie gegen diese entschlossener vor als vor dem “Aufstand der Anständigen”. Vielmehr werden die genannten Ideologien nach wie vor von großen Teilen der Bevölkerung mehr oder minder stark geteilt, es geht bei den Gegenaktivitäten weiterhin allem voran um die Wahrung des guten Rufs der eigenen Stadt und um den nationalen Mythos einer gelungenen “Vergangenheitsbewältigung”.

 

Jenseits der Metropolen

Hamm ist eine jener Provinzstädte, in der sogenannte “linke Strukturen” schwach aufgestellt sind und von denen es in der BRD Tausende gibt. Ohne ein nennenswertes linkes bzw. linksliberales Milieu, welches eine halbwegs kritische Öffentlichkeit hervorbringen könnte – oder gar ein linkes Zentrum – ist die Vermittlung radikaler Gesellschaftskritik und die Organisation von Interventionen für sich genommen schon schwer genug. Das “Naziproblem” führt jedoch dazu, dass die wenigen organisierten Linksradikalen sich primär mit Neonazis beschäftigen müssen, da diese eine massive Bedrohung nicht nur für die eigene “politische Arbeit”, sondern auch für die körperliche Unversehrtheit darstellen. In dieser Situation ist eine Schärfung der eigenen kritischen Theorie der Gesellschaft, welche auf die Aufhebung jener Verhältnisse zielen könnte, die neonazistische Ideologien hervorbringen, tragischer Weise fast unmöglich. Hamm ist hier kein Sonderfall. Aus “linken Hochburgen”, also aus den nahegelegenen Groß- und Universitätsstädten, erfahren Antifas in der Provinz zumeist keine oder wenig Unterstützung. Dabei stellen Neonazis gerade in der Provinz zumeist eine viel größere Gefahr für antifaschistische, “migrantische” oder “alternativen” Menschen dar, während in den Metropolen nicht selten mit der Lupe nach Nazis oder Rechtspopulisten gesucht wird, an denen man sich abarbeiten kann. Selbst Orte in unmittelbarer Nähe werden gerne vernachlässigt, weil “Metropolenlinke” eine halbstündige Bahnfahrt scheuen oder sich lieber im großstädtischen Szenesumpf einkuscheln.

 

Antifa 2010: Von Events und “Massen”

Die Mainstream-Antifa des Jahres 2010 konzentriert sich stattdessen lieber auf “Events”, bei denen vermeintlich “was geht”. Vorzugsweise sind dies Aufmärsche, bei denen aufgrund von massiven linken und zivilgesellschaftlichen Mobilisierungen eine vergleichsweise große Anzahl von Menschen auf die Strassen gehen und/oder Scharmützel mit der Polizei oder Neonazis zu erwarten sind. Es wird also bevorzugt dort interveniert, wo zu erwarten ist, dass “breite Bündnisse” möglich sind und eine gewisse mediale Aufmerksamkeit gegeben ist – so zum Beispiel Berlin, Hamburg, Köln oder mit Abstrichen auch Dresden. Diese mehr oder minder kritische Öffentlichkeit wird allerdings selten zur Artikulation radikaler Gesellschaftskritik genutzt. Eine Fixierung auf “Groß-Events”, bei denen es vielen Linken primär um Randale oder darum Teil einer “Masse” zu sein geht, und in deren Rahmen die Artikulation von eigenen Positionen nicht selten ein Schattendasein fristen muss, ist mindestens zweifelhaft, wenn nicht kontraproduktiv.

Doch auch die wenigen “Großstadtantifas”, die trotz des nicht zu erwartenden “Events” am 23.10. den Weg nach Hamm finden, müssen sich fragen lassen, warum sie lediglich dann dort auftauchen, wenn ein Aufmarsch der örtlichen “Kameradschaft” ansteht. Die Fixierung von AntifaschistInnen auf Neonaziaufmärsche ist falsch und fatal, weil diese nur eine vereinzelte Ausdrucksform neonazistischer Auswüchse sind. Regelmäßige Kameradschaftsabende, Konzerte oder kleinere illegale Aktionen sind für das Selbstverständnis und die Außenwirkung der neonazistischen Subkultur mindestens genauso wichtig.

 

Support the Dorfantifa!

Für die Provinz interessieren sich Großstadtantifas also bestenfalls wenn es dort zu Aufmärschen kommt, bei denen die KameradInnen meistens – wie aktuell in Hamm – von einem Polizeikessel eskortiert durchs Kaff Gassi gehen dürfen. Dass der “Nazialltag” dort ein viel größeres Problem darstellt, wird kaum beachtet. Problemorientiert oder gar solidarisch ist ein Auftreten bloß zu solchen Gelegenheiten sicher nicht: Antifastrukturen in der Provinz müssen vielmehr nachhaltig gestärkt werden, was ohne Unterstützung von außerhalb kaum möglich ist.

 

Für die Entbarbarisierung des platten Landes!
Solidarität mit den Antifaschistinnen und
                                 Antifaschisten in Hamm und Ahlen!
Jetzt und in Zukunft: die Verhältnisse kritisieren,
                                 die Naziszene in der Provinz plattmachen.

 

// antifaschistische und kommunistische Gruppen aus NRW
// antifa-nrw.de

 

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