Alle werden Fallen!

 
antina osna

… doch ist es nicht nur die deutsche Kulturnation die die Welt plagt, allgemeiner lässt sich sagen: Die strukturellen Bedrohungen des verstaatlichten Individuums spiegeln sich in versichernden Imaginationen kollektiver Identität wieder. Als Substanz nationaler Einheit wird ein selbstverständlicher, ursprünglicher Zusammenhalt vorgestellt.

Die Nation, in all ihren Ausprägungen, trägt tagtäglich zur Unterdrückung, Diskriminierung und Zurichtung der Menschen bei. Dabei stechen nationale Events wie die Fußball-WM oder die Feierlichkeiten zu 20 Jahren Mauerfall, 60 Jahren Grundgesetz oder scheinbar abseitiges wie 2000 Jahren Varus-Schlacht, nur als besondere I-Tüpfelchen heraus. Den alltäglichen nationalen Wahn gilt es anzugreifen, die nationalen Mythen zu sprengen und dem Irrsinn der nationalen Kollektivität die Freiheit des Individuums in solidarischen, kosmopolitischen Verhältnissen entgegen zu setzen. Dabei ist es wichtig die Nation nicht als losgelöstes Moment aus einer akademischen Elfenbeinturm-Position heraus isoliert zu beobachten. Der komplexe aktuelle Einsatz dieses Konstruktes ist mit seinen Wirkungen hinein in die Linke zu verfolgen und erfordert geeignete Antworten und Gegengifte.

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Das Volk ist Opium für das Volk

 

Tatort Hamburg 2008
Gebannt lauscht eine Menge den euphorischen Worten Horst K.’s aus Heidenstein (heute wohnhaft in Berlin). Es ist selten geworden, dass so viele Menschen von einem Nicht-Popstar in den Bann gezogen werden. „Gott segne unser deutsches Vaterland“, mit diesen denkwürdigen Worten beschließt Horst K. seine Rede.

 

 

Kolonialer Völkermord
104 Jahre früher, tausende Kilometer entfernt in Deutsch-Südwestafrika, verkündet ein anderer großer Führer über die Angelegenheiten der Deutschen: „Die Herero [zahlreiche Bewohner Deutsch-Südwestafrikas] sind nicht mehr deutsche Untertanen…“. Mit seiner Erklärung leitet Generalleutnant Lothar von Trotha den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts ein. Als dann ab dem 3. Oktober 1904 auch der Stamm der Nama sich gegen die deutsche Kolonialmacht erhebt, lernen die Kolonisierten kennen, dass deutsche Gründlichkeit auch beim Morden gilt.

Vom Jahrestag des Nama-Aufstandes und den zur Vernichtung befehlenden Worte Generalleutnants von Trotha, wollte Horst K. in seiner Rede in Hamburg 2008 nichts wissen, wenn er appellierte: „ … als Nation mehr zu sein als eine Wohngemeinschaft und ein Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit … [sondern eher] … die Überzeugung, als Nation und Staat eine Aufgabe zu haben, die über das Hier und Jetzt hinausweist.“. Viel mehr dachte er an Wolfgang Thierses Worte von 2005 zum Thema Kulturnation. Doch hilft uns Wolfgang Thierse, eine Brücke zwischen 2008 und 1904 zu schlagen. In der Radiosendung „Signale“ stellt er fest: „Die Deutschen konnten nicht auf feste Grenzen zurückgreifen, wenn Sie einen Begriff von sich als Nation entwickeln wollten“. Und hier lassen sich schon erste Hinweise auf das finden, was von T. die „verlorene Unschuld“ der deutschen Kulturnation genannt wird.

 

Nation nimmt Fahrt auf – ein Rückblick
Anders als in Frankreich, wo die Nation von Anfang an als ein Projekt des revolutionären Bürgertums fest an den Staat gekoppelt wurde, und somit feste Grenzen kannte, meinte die deutsche Nation sich in Sprache und Kultur weltweit zu exportieren und in einer ganzen Reihe kleiner und großer Staaten zu finden.

Deutsche Mund- und Wesensarten wurden ‘entdeckt’, in die Vergangenheit projiziert und zur ‘Deutschen Nation’ erklärt. Auf einen Staat wollten die Fans dieser deutschen Nation jedoch nicht verzichten, nur verbot ihnen das unter feudaler Knute gezüchtete deutsche Wesen den Weg in eine Demokratische Gesellschaft.

1848 versuchten Revolutionäre überall in Europa ihr Glück. Für die Verfechter der deutschen Nation waren solche Radikaldemokraten und andere emanzipatorisch Gesinnten eher Feinde, denn ihre Ziele passten nicht zu dem von ihnen umgarnten deutschen Wesen. Es schmiedete sich ein Bündnis aus preußischem Großmachtstreben und deutschem Nationalismus, das Bestätigung in dem eigenen Über- und der anderen Untermenschentum, in den irrationalen Ewigkeiten der Kulturnation finden konnte.

Gerade dieses Bündnis des rebellischen Nationalismus mit dem etablierten Adel sollte bezeichnend für das sogenannte ‘Deutsche Wesen’ werden. Statt konkrete politische Verhältnisse zu bekämpfen und zu ändern etablierte sich eine kollektive Praxis der Rebellion gegen Eingebildetes und das Abstrakte. Dieses wurde auf Juden, Sozialist_innen, Revolutionär_innen, Kommunist_innen oder auch einfach das ‘Fremde’ projiziert. Eine für die herrschenden Eliten sehr willkommene Praxis. Überhaupt lassen sich im gemeinsamen Kampf des deutschen Nationalismus aka Patriotismus gegen Windmühlen prima die realen Verhältnisse übersehen.

 

 

Allzweckwaffe
Meinen es dann doch zu viele Menschen ernst mit den änderbaren Ursachen ihres Elends, die eigentlich fast immer vor ihrer eigenen Haustür zu finden sind, stehen dann auch Deutschtümelnde bereit, diese wieder zurück in die Ohnmacht zu prügeln und zu schießen. Immerhin muss ja ein eben Nichtdeutscher Schuldiger gefunden werden, wenn die Antagonismen der realen Welt zum Vorschein kommen. Antisemitismus, Antiziganismus und Rassismus im Meinen wie im Morden sind hierbei nur die beliebtesten Mittel. Es deutscht sich eben besser unter Deutschen. Überhaupt ist das vermeintlich Nichtdeutsche ein prima Abladebehälter für alles was die deutsche Seele so belastet. Hier kann frei gehasst und verachtet werden. Für den Staat und seine rotierenden Oligarchien ist das ganz nützlich. Solange die Folie Deutsch/Nichtdeutsch den eigenen Bürgern noch jemanden lässt, auf dem es einfacher ist den angestauten Frust abzuladen, kommen diese nicht auf die Idee, in ihrem eigenem Leben sollte sich etwas grundlegend emanzipieren.

 

 

Nationale Arbeit
Auch für größer erlebte Krisen, wie etwa den zyklischen Krisen des Kapitalismus hat die Kulturnation ihre Antworten bereit. Etwa Appelle und Beschwörungen in der Form von Merkels Rede auf der VW-Betriebsversammlung 2008: „… Aber all das können wir nur schaffen, wenn wir motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben, motivierte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die sich diesem Projekt Deutschland genauso verpflichtet fühlen wie jene, die die politischen Entscheidungen zu fällen haben“. So versucht Merkel Deutschland (ein nationales Arbeitsregime) ihren Zuhörer_innen als Pille gegen alles zu verkaufen. Das diese Pille mehr eine Beruhigungstablette ist, zeigt schon wie häufig diese Art von Reden gehalten werden. Aber auch für die, die Merkel und Co. für Volksverräter halten, den deutschen Staat vor ihnen zu retten hoffen, gibt es eine Ration Kulturnation. Verschwörungstheorien, Antisemitismus und das Warenhaus occult-nationalistischer Irrationalitäten befriedigen konservative Bedürfnisse, ermöglichen gleichzeitig die Rebellion gegen das Jetzt und drehen das Emanzipationsschräubchen deftig zurück. Mit all den großen und kleinen in der Nation konservierten Vorturnern, Hermann der Cherusker, Bismarck, Mia, Heppner usw. überliefert sie sowohl ihre Erfolgsgeschichte als auch Geschichten derer die an ihren Verteidigern scheiterten. Kurzum: Die etablierte Konstruktion “Nation” dient, ob unter zu Hilfenahme des Blutsfaktors oder unter Nutzung des Wertungssystems Kultur, einer Stabilisierung der gesteuerten Wertigkeit der Menschen.

Ach und … repeat and start again… um keine Missverständnisse über irgendein armes ausgebeutetes Was auch immer (Prolete_innen, Manager_innen und auch die kleinen Mann_innen) aufkommen zu lassen, oder eine eklige Menge Unschuld zu evozieren, sei betont, dass der Mensch die Gesellschaft in der er lebt selbst gestaltet.

 

 

Nationale Linke
Auch einige vermeindlich Linke finden Sympathie an den nationalen Befindlichkeiten. Im Alltag sind allzu brutale Ausprägungen nationalen Aktivismus leicht zu übersehen und im gemeinsamen Fahnenschwenken stellt sich all zu leicht ein wohliges Gefühl der Volksfront ein. Jens Thomas behauptet etwa in testcard 16/2007: “Die Flaggeneuphorie der letzten Zeit wurde zudem darum als unbedenklich interpretiert, weil der Bezug zu Schwarz-Rot-Gold keineswegs einer mit imperialistischen Vorzeichen ist. Dadurch schien und scheint es auch weit genug weg vom rechten Rand zu sein. Keiner oder kaum einer will, dass Teile Polens wieder zu Deutschland gehören, da will man schon eher, dass die Polen Polen und auch in Polen bleiben. Imperialistischer Größenwahn lässt sich in Deutschland allenfalls auf Seiten der Rechtsextremen beobachten”. Thomas blendet dabei aus, daß weiterhin Deutsche, jetzt zwar im Bündnis mit anderen Europäischen Staaten, ihre „nationalen“ Interessen mittels Militär durchsetzen (Hindukusch) – etwa 2008 im Kongo, um Koltan- und Kupferpreise zu stabilisieren. Auch schafft er es das Gekungel deutscher Politik-Eliten mit Vertriebenverbänden, die weiterhin Schlesien, Ostpreußen und Co. Heim ins „Reich“ holen wollen, zu übersehen. Von anderen wie SPD, DGB, attac, greenpeace usw. ganz zu schweigen.

 

 

Nie wieder allein Marschieren
Europa, what the fuck about Europe? Patriotismus, unter dem die nationalistische Droge auch gerne mal verkauft wird, bleibt weiter ein beliebter Baukasten für Antiemanzipatorisches. Die EU ist ein Staatenbund, in dem Einzelstaaten um Hegemonie ringen und Deutschland plant seine Nachbarn und Konkurrenten mittels der Konzeption von Großwirtschaftsräumen zu dominieren, so der FDP Vordenker Naumann (1915). Nach Außen tritt die dynamisch erweiterte EU geballt auf, nach Innen zerfällt sie in die guten alten National-Beschwörungen. Das Schwarz-Rot-Goldene „Wir, in Europa“ der CDU im Bundestagswahlkampf 2009 spricht Bände. Die Grünen haben das Beschwören nationaler Einheit schon hinter sich gelassen und fühlen sich wie Hörst Köhler („als Nation und Staat eine Aufgabe zu haben“) zu höherem Berufen, wenn Sie auf Wahlplakaten intonieren: „Es geht ums [globale] Ganze!“ Frei nach dem Motto: „Am Deutschen Wesen wird die Welt genesen“ (K. Wilhelm). Die EU dient auch hier als Steigbügelhalter.

 

 

Alle werden fallen – Nationen sprengen
Doch ist es nicht nur die deutsche Kulturnation die die Welt plagt, allgemeiner lässt sich sagen: Die strukturellen Bedrohungen des verstaatlichten Individuums spiegeln sich in versichernden Imaginationen kollektiver Identität wieder. Als Substanz nationaler Einheit wird ein selbstverständlicher, ursprünglicher Zusammenhalt vorgestellt.

Die Nation, in all ihren Ausprägungen, trägt tagtäglich zur Unterdrückung, Diskriminierung und Zurichtung der Menschen bei. Dabei stechen nationale Events wie die Fußball-WM oder die Feierlichkeiten zu 20 Jahren Mauerfall, 60 Jahren Grundgesetz oder scheinbar abseitiges wie 2000 Jahren Varus-Schlacht, nur als besondere I-Tüpfelchen heraus. Den alltäglichen nationalen Wahn gilt es anzugreifen, die nationalen Mythen zu sprengen und dem Irrsinn der nationalen Kollektivität die Freiheit des Individuums in solidarischen, kosmopolitischen Verhältnissen entgegen zu setzen. Dabei ist es wichtig die Nation nicht als losgelöstes Moment aus einer akademischen Elfenbeinturm-Position heraus isoliert zu beobachten. Der komplexe aktuelle Einsatz dieses Konstruktes ist mit seinen Wirkungen hinein in die Linke zu verfolgen und erfordert geeignete Antworten und Gegengifte. Auch nach der Devise:

Alle werden fallen!

 

Programm und alles Weitere: ventose.cc/antina

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